Kolumbien: Der Gerechtigkeit Frucht wird Friede sein (Jes. 32,17)

Jahrzehntelang tobte in Kolumbien ein gewaltsamer Konflikt. Sexualisierte Gewalt wurde dabei von  allen Konfliktparteien ausgeübt. Nur wenn die Opfer und ihre Angehörigen Gerechtigkeit erfahren, ist Versöhnung möglich.

Vom Opferverband zur Interessenvertretung

Im über 50jährigen Bürgerkrieg ließen ausnahmslos alle Konfliktparteien „missliebige“ Personen verschwinden, um den Gegner einzuschüchtern. Die Menschenrechtsorganisation Nydia Erika Bautista (Kürzel auf Spanisch: FNEB), ein Zusammenschluss von Familienangehörigen gewaltsam Verschwundener, war maßgeblich daran beteiligt, dass im 2016 geschlossenen Friedensvertrag zwischen der Regierung und den FARC-Rebellen sexualisierte Gewalt als Menschen- und Frauenrechtsverletzung anerkannt und Opferausgleich festgeschrieben wurde.

Enttäuschte Hoffnungen – gesellschaftliche Polarisierung

Die Realität sieht allerdings anders aus. Während der Ex-Guerilla FARC eine umfangreiche Erfüllung ihres Teils der Vereinbarung bescheinigt wird, setzt die Regierung ihre Verpflichtungen nur äußerst schleppend um. Mächtigen Interessengruppen sind die Ausweitung politischer Partizipationsrechte ebenso ein Dorn im Auge wie die Anerkennung von Frauenrechten. Insbesondere letztere werden als Angriff auf das kulturelle Selbstverständnis der Kolumbianer*innen verunglimpft, dem es mit allen Mitteln Einhalt zu gebieten gelte. Ein massiver Anstieg von Gewalt an Frauen sowie Drohungen und Morde an Menschenrechtsaktivist*innen und Führer*innen sozialer Bewegungen sprechen eine deutliche Sprache. Die Hoffnung auf einen Neuanfang hat sich nicht erfüllt, im Wahljahr 2018 ist die kolumbianische Gesellschaft zutiefst gespalten.

Gerechtigkeit für die Opfer des Konflikts und ihre Angehörigen

Den Opfern und ihren Angehörigen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen – das ist für FNEB die Grundlage von Versöhnung und einem Neubeginn des gesellschaftlichen Miteinanders. Deshalb überwacht FNEB intensiv die Einhaltung von Frauen- und Opferrechten bei der Anwendung der Übergangsjustiz. Ebenso engagiert treibt FNEB die Vernetzung der Familienangehörigen voran und qualifiziert ihre Mitglieder im Umgang mit den Behörden (rechtliche Grundlagen, korrekte Falldokumentation, Umgang mit Justizbeamten etc.). Es geht darum, nicht länger als Bittsteller*innen gegenüber dem Staat aufzutreten, sondern auf die Einhaltung der verfassungsmäßig verbrieften Rechte zu bestehen.

Nicht mehr ausschließlich Opfer des Konflikts, sondern Bürgerinnen

80% der Mitglieder von FNEB sind Frauen zwischen 18 und 70 Jahren. In den Trainings wird auch geübt, die lähmende Kultur der Angst zu durchbrechen und sich der eigenen Stärke bewusst zu werden. Die Frauen identifizieren heute leichter die patriarchalen Mechanismen, mit denen sie manipuliert werden und die dazu beitragen, Opfer (sexualisierter) Gewalt zu werden. Und: sie lassen sich nicht mehr als zweitrangig abstempeln: „Wir sind keine Hilfskräfte für Männer, sondern eigenständige Menschen“, sagt eine von ihnen, „wir haben gelernt, für uns selber einzustehen. Wir lassen uns nicht mehr instrumentalisieren“.

 

Projekt-Kurzinfo

Projekttitel: Familien von gewaltsam Verschwundenen gestalten Friedensprozess und Übergangsjustiz
Ort/Region: Bogotá, Valle del Cauca, Putumayo
Förderschwerpunkt: Gesellschaftliche und politische Teilhabe
Partnerorganisation: Fundación Nydia Erika Bautista para los Derechos Humanos (FNEB)
Laufzeit: Januar 2017 bis Dezember 2018 (Folgeprojekt 2019-2020 in Vorbereitung)
WGT-Beitrag: 40.000 €