Argentinien: Teilhabe und „Gutes Leben“. Frauen der Wich’i gestalten Kunsthandwerk und Gemeinschaft

Die Stiftung Niwok vertritt rund 450 Kunsthandwerkerinnen der indigenen Wich’i im Nordosten Argentiniens. Sie setzt sich ein für die gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe von Frauen und Männern, die in der Kultur und Sprache der Wich‘i mit dem Begriff „Thetek“ bezeichnet wird. Sie ist Teil einer umfassenden Philosophie des „Guten Lebens“, die auf der Verbundenheit aller Lebewesen beruht.

Thetek – Geschlechtergerechtigkeit und Teilhabe als Elemente des „Guten Lebens“

Die Wich’i leben in Großfamilien in weit verstreuten Siedlungen des argentinischen Chaco, einer Savannenlandschaft, die karg, heiß und trocken ist. In ihren Gemeinschaften gibt zwei konkurrierende Leitungsmodelle. Vorherrschend ist das Konzept von „Niyat“, das einen „Häuptling“ in den Mittelpunkt stellt, der seine Macht und Autorität über eine bestimmte Gruppe ausübt. Dieses Modell ist patriarchal und mit kolonialen Strukturen der Unterwerfung verknüpft. „Thetek“ dagegen bedeutet „Kopf“ und bezeichnet eine Person, die etwas initiiert, beginnt, die vorangeht und leitet. Es ist offen für Männer und Frauen, partizipativ und ausgerichtet auf die umfassende Philosophie von einem „Guten Leben“. „Thetek“ neu zu beleben ist ein wichtiges Anliegen von NIWOK.

Das Konzept des „Guten Lebens – Vivir Bien“

In den indigenen Philosophien Lateinamerikas gibt es zahlreiche Ansätze des „Guten Lebens“. Besonders bekannt geworden ist das „Sumak Kawsay“ (Quechua) oder „Vivir Bien“ aus den andinen Regionen Ecuadors und Boliviens, wo es Eingang in die jeweilige Verfassung gefunden hat. Aber auch bei den Guaraní, Mapuche und den Wich’i gibt es ähnliche Vorstellungen einer ganzheitlichen Kosmovision, die Mensch und Natur miteinbezieht. Gemeinsame Werte sind das kollektive Wohl über individuellem Gewinnstreben, der Respekt und Schutz der Natur (nicht nur als Ressource) sowie soziale Gerechtigkeit, Solidarität und partizipative Entscheidungsfindung. Das „Gute Leben“ ist nicht rein materiell, es beruht auf einem spirituellen Gleichgewicht. Mensch und Natur werden gesehen als Teile eines Netzwerks von Beziehungen, die genährt werden von einer gemeinsamen Lebenskraft.

Die Stiftung Niwok unterstützt die Kunsthandwerkerinnen

Vor mehr als 30 Jahren haben sich Wich’i Frauen zusammengeschlossen, um gemeinsam Produktion und Vermarktung ihres Kunsthandwerkes zu organisieren. Sie sammeln eine Bromelie (B. Hieronymi, „chaguar“), die nativ in der Savannenlandschaft des Chaco vorkommt. Sie extrahieren die Fasern, färben sie und verarbeiten sie zu Körben, Taschen etc. Es ist ein uraltes Wissen, das nicht nur ökonomisch erfolgreich, sondern auch kulturell und spirituell identitätsstiftend ist. Die Treffen der Kunsthandwerkerinnen sind zugleich Gelegenheit und Raum für Austausch, Fortbildung und Feiern. Um diese Aspekte zu fördern und zu koordinieren, wurde die Stiftung Niwok gegründet. Sie bietet Kurse an zu Finanzen und Vermarktung, aber auch Trainings zu Frauengesundheit, sexualisierter Gewalt, Selbstfürsorge und Generationendialog. Sie ermutigen und befähigen die traditionell sehr isoliert und zurückgezogen lebenden Frauen aktiv zu werden, für sich selbst, ihre Familien und Gemeinschaften zu sprechen und Verantwortung zu übernehmen. So werden die Frauen zu Promotorinnen von Geschlechtergerechtigkeit und fördern das kulturelle Konzept vom „Guten Leben“, das die Gemeinschaften der Wich’i stärkt und zukunftsfähig macht.

Projekt-Kurzinfo

Projekttitel: Gleichberechtigung und „Gutes Leben“. Frauen und Jugendliche der indigenen Wich’i stärken ihr kulturelles Bewusstsein
Förderschwerpunkt: Politische undgesellschaftliche Teilhabe
Partnerorganisation: Stiftung Niwok
Laufzeit: Januar 2026 bis Dezember 2027
WGT-Beitrag: 40.000 €