Aus der Not eine Tugend machen

Gruppenbild von Red Puna

Liliana Martinez von Red Puna erzählt, wie sie die Corona-Krise in Argentinien meistern.

„Als Mitte März in Argentinien die verschärfte Ausgangssperre ausgerufen wurde, wollten wir gerade nach Buenos Aires auf eine Verkaufsmesse für nachhaltige Mode fahren“, erzählt Liliana Martinez. „Wir saßen auf den fertig verpackten Strick- und Webwaren und fragten uns, was wir nun damit anfangen sollten“.

Liliana arbeitet bei Red Puna, einem Netzwerk bäuerlich-indigener Basisorganisationen im äußersten Norden Argentiniens. Von Beruf Agraringenieurin, ist sie Gründungsmitglied und Mit-Initiatorin der regionalen Bewegung der indigenen Textilhandwerkerinnen.

Innovation statt Stagnation

„Anfänglich glaubten wir, eine Woche später sei alles vorbei. Aber bald merkten wir, dass nicht abzusehen war, wie lange die Situation dauern würde. Deshalb haben wir, unsere Produkte fotografiert und sie online zum Verkauf angeboten. Bald entdeckten wir eine Welt, die wir bis dahin nicht kannten. Die Leute kauften tatsächlich – ohne jeglichen persönlichen Kontakt, nur, weil ihnen unsere Web- und Strickwaren auf den Fotos gefielen! Liliane kann es immer noch kaum glauben: „In nur einem Monat verkauften wir so viel wie sonst in unserem Laden in Tilcara im Juli, also zur Hauptsaison. Und wir dachten, Corona sei das Ende…“

„Dieser Erfolg hat uns zum Nachdenken gebracht“, erklärt Liliana, „warum nicht die Gunst der Stunde nutzen und in den Online-Vertrieb einsteigen? Als uns dann auch noch der Weltgebetstag, der uns seit 2016 mit Rat und Tat zur Seite steht und immer ein offenes Ohr für unsere Anliegen hat, in dieser Idee bestärkte, haben wir unsere eigene Webseite kreiert – www.artesaniasredpuna.com.ar, seit ein paar Tagen ist sie online.“ Doch das momentane Hochgefühl versperrt nicht den Blick für mittel- und langfristige Herausforderungen. Liliana sorgt sich insbesondere um die Auswirkungen auf die interne Arbeitsorganisation: „Wir haben schon gelernt, dass Online-Vermarktung eine unheimliche Beschleunigung mit sich bringt. Wie kriegen wir es hin, ausreichend Produkte auf Vorrat zu haben, um zeitnah liefern zu können?“

Was ihr aber noch mehr am Herzen liegt, ist ein klassisches Frauenthema: „Wie kriegen wir es hin, das alles zu bewältigen, ohne unsere eigene Realität aus den Augen zu verlieren? Wir haben eben vielfältige Verpflichtungen in unseren Familien und Gemeinschaften und können nicht frei über unsere Zeit verfügen und immer dann produzieren, wenn der Markt es gerade fordert. Ich denke, das wird die Herausforderung sein: einen Weg finden, auf dem wir gemeinsam wirtschaftlich erfolgreich sein können und keine dabei zurückgelassen wird“.

Wirtschaftlicher Erfolg: Türöffner für Frauenrechte

Wirtschaftsförderung allein ist jedoch nicht das Ziel von Liliana, ihr geht es um gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern und eine geschlechtergerechte Gesellschaft. „Nach der ersten Gender-Euphorie rund um die Weltfrauen-Konferenz ([Anm.: Peking, 1995] haben wir ziemlich schnell begriffen, dass ‚brotlose‘ Sensibilisierung in Geschlechterfragen folgenlos bleibt“, betont sie. „Die Frauen müssen in erster Linie ihr Überleben sichern, deshalb haben wir bei Red Puna von Anfang an auf die Förderung der wirtschaftlichen Eigenständigkeit von Frauen gesetzt. Wir ermutigten die Frauen, ihre traditionelle Strick- und Webkunst weiterzuentwickeln und kollektiv zu vermarkten. Der Erfolg gab uns recht: vor Corona konnten wir in zwei lokalen Tourismuszentren Verkaufsstände eröffnen (Tilcara, Purmamarca), wir waren landesweit auf Verkaufsmessen präsent und belieferten schicke Boutiquen in Buenos Aires mit hochwertigen Textilprodukten. Inzwischen ist der wirtschaftliche Beitrag der Frauen zum Familieneinkommen kaum mehr wegzudenken. Und die Erfahrung zeigt: wirtschaftliche Unabhängigkeit stärkt die Verhandlungsposition von Frauen“. 

Selbstermächtigung, keine neuen Zuschreibungen

Das Frauen-Team von Red Puna verfolgt eine bestechende Strategie, um emanzipatorische Zielsetzungen in einem extrem konservativen Umfeld voranzubringen: „Indigene Gemeinschaften akzeptieren ‚moderne‘ Frauenrechte erst dann, wenn sie wahrnehmen, dass  diese mit ihrer indigenen Identität und traditionellen Frauenrollen in familiärer Sorgearbeit und Subsistenzlandwirtschaft vereinbar sind. Deshalb fördern und respektieren wir unterschiedliche Beteiligungsformen: die eine Frau arbeitet von zuhause aus oder trifft sich mit Nachbarinnen zum Stricken und Weben, die andere organisiert sich in einem Kollektiv.

Uns ist es wichtig, dass die Frauen, ihrem eigenen Rhythmus folgend, ihre Handlungsspielräume selbst entdecken und ausbauen. Darauf basiert auch unser Bildungsangebot – handwerkliche Trainings werden mit Austauschrunden kombiniert, bei denen ‚Frauenthemen‘ diskutiert werden. Und wir lassen keine Gelegenheit aus, um uns mit anderen Frauen regional und landesweit zu vernetzen und gemeinsam für eine lebenswerte Gesellschaft einzutreten.“

Gegen strukturellen Rassismus und patriarchale Ausgrenzung

Red Puna y Quebrada wurde 1995 im äußersten Norden Argentiniens von bäuerlich-indigenen Basisorganisationen als Interessenvertretung gegründet. Heute gehören dem Netzwerk 30 Organisationen an, die sich gemeinsam gegen Ausgrenzung und wirtschaftliche Marginalisierung seitens der Mehrheitsgesellschaft wehren. Priorität haben dabei die Verteidigung der indigenen Territorien gegen Landraub, die Förderung von Ernährungssouveränität durch ökologischen Landbau und die Steigerung der Lebensqualität durch Diversifizierung der Einkommen.

Mit der Etablierung des Arbeitsschwerpunkts „Textilhandwerk und Gender“ zu Beginn der 2000er Jahre haben sich die Frauen im Netzwerk nicht nur Optionen für größere wirtschaftliche Eigenständigkeit geschaffen, sondern dies in politischen Einfluss umgewandelt.Heute hat ihre Stimme im Netzwerk Gewicht. Wohl nicht zuletzt deshalb, weil ihre Art, einen in der indigen-bäuerlichen Lebensweise verwurzelten Feminismus zu leben („feminismo indígena“) auch die Männer nach und nach überzeugt hat!

Liliana Martinez und Cornelia Marschall