Besuch aus Kolumbien

-	Friedrich Kircher, Yanette Bautista, Dr. Rainer Huhle (NMRZ), Cornelia Marschall (Leiterin Projektreferat und Referentin Lateinamerika, Weltgebetstag der Frauen – Deutsches Komitee e.V. und William Bastidas („Radio Z“)

Am 19. Juli 2018 besuchte uns die bekannte Menschenrechts-Aktivistin Yanette Bautista.

Begleitet wurde sie von ihrem Mitstreiter und Ehemann Friedrich Kircher. Die Leiterin der „Stiftung Nydia Erika Bautista“ (Kürzel auf Spanisch: FNEB) und ihr Team engagieren sich seit Jahrzehnten unerschrocken für die Rechte der Familienangehörigen von gewaltsam Verschwundenen.

Gemeinsam waren wir zu Gast im „Nürnberger Menschenrechtszentrum“, wo Yanette und Friedrich über die aktuelle Lage in Kolumbien berichteten.

Bürgerkriegsland Kolumbien

Über Jahrzehnte litt Kolumbien unter den gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Regierung, Rebellen und Drogenkartellen. Ausnahmslos alle Konfliktparteien ließen „missliebige“ Personen verschwinden, um den Gegner einzuschüchtern. Dabei wurden Frauen und Mädchen für ihr politisches oder soziales Engagement mit massivsten sexuellen Übergriffen „bestraft“.

Zehntausende gewaltsam „verschwunden“

Auch Familienangehörige waren häufig sexueller Nötigung ausgesetzt, z.B. als „Gegenleistung“ für Informationen über ihre verschwundenen Angehörigen. Offizielle Zahlen sprechen von 80.000 gewaltsam verschwundenen Menschen in Kolumbien. Die Dunkelziffer wird als bedeutend höher eingeschätzt, da v.a. Frauen in den Statistiken oft als „Vermisstenfälle“ und nicht als „gewaltsam Verschwundene“ auftauchen. Dass Menschen gewaltsam verschwinden, ist in Kolumbien auch nach den Friedensverhandlungen 2016 noch traurige Realität.

Eine Familie will Gerechtigkeit

Yanettes Schwester, Nydia Érika Bautista, wurde 1987 von Soldaten auf offener Straße verschleppt, gefoltert und ermordet. Bis heute ist das Verbrechen ungesühnt. Mutig setzt sich die Familie seitdem für Aufklärung und Gerechtigkeit ein und wird dafür teils massiv bedroht.

Yanette Bautista hat eine Menschenrechts-Organisation gegründet, die mit den Familienangehörigen von gewaltsam Verschwundenen arbeitet. Sie ist nach ihrer ermordeten Schwester benannt: Stiftung Nydia Erika Bautista. Die Arbeit von Yanettes Stiftung wurde u.a. mit dem „Amnesty International Menschenrechtspreis“ und dem „Deutsch-französische Antonio-Nariño-Preis für Menschenrechte“ ausgezeichnet.

Unterstützt von der Weltgebetstagsbewegung

„Danke für eure Einladung und dass ihr die Arbeit von FNEB in den nächsten Monaten besonders begleiten werdet“, wandte sich Yanette Bautista an die deutsche Weltgebetstagsbewegung, „Das ermutigt mich und alle Frauen bei FNEB sehr, gerade in diesen schweren Zeiten.“

Yanette und Friedrich berichteten uns, wie katastrophal die Lage der Menschenrechte in Kolumbien momentan sei. Erst im Dezember 2016 hatte die kolumbianische Regierung mit einer wichtigen Rebellengruppe, der FARC, ein Friedensabkommen unterzeichnet. Doch der damalige vorsichtige Optimismus ist längst der Ernüchterung gewichen.

Statt Frieden: Stagnation und Gewalt …

Der Wahlsieg des Rechtspopulisten Iván Duque Mitte Juni 2018 zum Präsidenten Kolumbiens, scheint Befürchtungen der letzten Monate zu bestätigen, der Friedensprozess könne zum Erliegen kommen. Zentrale Punkte des Abkommens wurden bisher nicht umgesetzt oder gar rückgängig gemacht.

Außerdem ist die Zivilgesellschaft massiven Repressionen und Gewalt vor allem durch Paramilitärs ausgesetzt. Mittlerweile werden im Durchschnitt jeden Tag vier Menschenrechts-Aktivist*innen ermordet.

Mit am Tisch bei den Friedensverhandlungen

Yanette Bautista saß drei Mal als Vertreterin der Angehörigen gewaltsam Veschwundener mit am Tisch bei den Friedensverhandlungen in Havanna. Ihrem Engagement ist es u.a. zu verdanken, dass die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt fest im Friedensvertrag verankert ist. Nun beobachtet sie mit Sorge, wie der langjährige Friedensprozess zu scheitern droht.

Gesprächsrunde im „Nürnberger Menschenrechtszentrum“

Auch bei unserem gemeinsamen Besuch im bundesweit renommierten „Nürnberger Menschenrechtszentrum“ (NMRZ) schilderten Yanette und Friedrich eindrücklich, wie die mühsam im Friedensvertrag ausgehandelten Punkte nach und nach rückgängig gemacht werden. Neben Dr. Rainer Huhle, Leiter und Gründungsmitglied des NMRZ und Mitglied des „UN-Ausschusses gegen das Verschwindenlassen“, waren Menschenrechtsaktivist*innen, Wissenschaftler*innen und Journalist*innen zu Gast bei der Gesprächsrunde.

„Wir wollen keine Held*innen sein, aber die Welt verändern“, so das Mut machende Fazit von Yanette Bautista, die trotz Morddrohungen und Repressionen weiterhin für Menschenrechte kämpft.

Fotos:

Friedrich Kircher, Yanette Bautista, Dr. Rainer Huhle (NMRZ), Cornelia Marschall (Leiterin Projektreferat und Referentin Lateinamerika, Weltgebetstag der Frauen – Deutsches Komitee e.V. und  William Bastidas („Radio Z“)

Gegen das Vergessen: Yanette Bautista zeigt ein Foto ihrer gewaltsam verschwundenen Angehörigen: ihre Schwester Nydia Érika Bautista und deren damaliger Lebensgefährte.

Trotz Morddrohungen und Repressionen voller Hoffnung: Yanette Bautista und Friedrich Kircher

Teilnehmer*innen der Gesprächsrunde im bundesweit renommierten „Nürnberger Menschenrechtszentrum“ (NMRZ)

Alle Bilder: Lisa Schürmann, © Weltgebetstag der Frauen – Deutsches Komitee e.V.